Die Nationale Koordinierungsstelle eTwinning ist angesiedelt bei Schulen ans Netz e.V.

Multimedial ab der ersten Klasse

Von Luise Sokolowski

 

Ein Besuch bei der Siegerland-Schule in Berlin

 

Es ist ein grauer, feucht-kalter Tag. Schulschluss an der Siegerland-Grundschule in Berlin-Spandau. Eltern holen ihre Schützlinge ab, einige der Kinder stehen noch vor dem Eingang und unterhalten sich angeregt. Als ich das moderne, sehr gepflegt erscheinende Gebäude betrete, schlägt mir verbrauchte Luft entgegen. Alles sehnt sich nach dem Feierabend, langsam leeren sich die Gänge. Nur ganz hinten im linken Trakt, in Raum 36, brennt noch Licht. Während ich mich der halbgeöffneten Tür nähere, höre ich eine Kinderstimme sagen: "Ich glaub, sie kommt nicht mehr…"

 

Begeisterte Schüler und Schülerinnen

In diesem Moment betrete ich die Klasse. Die Enttäuschung der Schülerinnen und Schüler schlägt in freudige Aufmerksamkeit um. Ihre Kunstlehrerin, Christiane Meisenburg, begrüßt mich sehr freundlich. Die kleine Frau mit dem weißen Bob ist die Leiterin und Initiatorin sämtlicher eTwinning-Projekte der Schule. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass die Siegerland-Grundschule im Jahr 2005 zum ersten Mal von Schulen ans Netz e. V. ausgezeichnet wurde. Damals recherchierten die Schulkinder im Rahmen des europäischen Comenius-Projekts, das die Partnerschaft zwischen europäischen Schulen fördert, über die neuesten Ereignisse bei den olympischen Winterspielen in Turin. Gemeinsam mit einer Partnerschule in der italienischen Stadt tauschten sie sich gegenseitig ihre Informationen per Internet aus. Dies war der Start für die intensive Nutzung der eTwinning-Plattform. “Die Schüler hatten so viel Spaß an dem Projekt, dass sie das Gleiche auch mit der Fußball-WM machen wollten“, erzählt Christiane Meisenburg. “Die Initiative ging von ihnen aus“.

 

Hochmoderne Technik

Die Unternehmungslust der vier Jungs und drei Mädchen, die an diesem Nachmittag extra wegen meines Besuchs länger geblieben sind, kann man deutlich spüren. So antworten sie auf eine Frage am liebsten alle gleichzeitig. Spielen am Computer lieben alle sieben, da sind sie sich einig. In ihrem jungen Alter (9-12 Jahre) sind sie aber auch in verschiedenen anderen Facetten der Computernutzung fitter als mancher Oberstufenabsolvent. Dilara zum Beispiel nimmt sofort an einem der beiden Flachbildschirme Platz, um mir vorzuführen, was die Klasse in letzter Zeit erarbeitet hat. Mit ein paar Mausklicken öffnet sie das mir vorher unbekannte Programm “Voki“ und zaubert in Sekundenschnelle ein abstraktes Bild auf den weißen Hintergrund. Es sieht aus wie ein dickes, gewundenes, rot-blaues Rohr und könnte ohne Weiteres in einer Ausstellung für moderne Kunst hängen. Das Ergebnis wird im Großformat auf ein riesiges SMART Board, beziehungsweise ein interaktives Whiteboard übertragen, welches die Tafel im vorderen Teil des Klassenzimmers ersetzt. Ich bin sprachlos. Christiane Meisenburgs Ziel ist es, ihre Schülerinnen und Schülern mit möglichst vielen verschiedenen Tools, digitalen Werkzeugen, vertraut zu machen. Schon in der ersten Klasse werden die Kinder an den Computer herangeführt. Die hochmoderne technische Ausstattung sämtlicher Klassenräume sei teils mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung, teils durch das Quartiersmanagement sowie durch die Prämien für erfolgreiche eTwinning-Projekte zusammengekommen.

 

Qualitätssiegel und Deutscher eTwinning Preis

“Als der Schulbetrieb auf die Ganztagsschule umgestellt wurde, wurde uns der Computerraum eingerichtet“, erzählt Christiane Meisenburg. Das Ergebnis: Ein Laptopwagen, mit dem die wertvollen Geräte mühelos von einem Raum zum anderen gerollt werden können und eine beeindruckende Menge fest installierter Flachbildschirme, jeder davon mit eigenem Headset. Praktisch, dass ihr Sohn sich im IT-Bereich auskennt und sich um die Instandhaltung des gesamten Systems kümmern kann. Mit jedem Projekt erweitern die Schülerinnen und Schüler neben ihren Fähigkeiten im Umgang mit Medien auch ihre Sprachkenntnisse und ihre interkulturelle Kompetenz.

 

Der besondere Einsatz von drei Klassen, die von Christiane Meisenburg und einer Kollegin betreut werden, wurde im Oktober 2010 mit dem eTwinning Qualitätssiegel belohnt. Sogar der Berliner Tagesspiegel berichtete über den Erfolg der Spandauer Schule, die sich inmitten eines Problemkiez’ befindet. Kerim, ein aufgeweckter Schüler mit türkischen Wurzeln, freut sich sehr, dass zu diesem Anlass sein Photo in der bekannten Berliner Tageszeitung abgedruckt wurde. Das Projekt "Bookworms/Bücherwürmer“ wurde zudem Ende Februar auf der didacta mit dem Deutschen eTwinning Preis ausgezeichnet. Nur acht weitere Projekte aus Deutschland konnten die Fach-Juroren überzeugen und wurden prämiert. Christiane Meisenburg hat sich schon an die positive Resonanz gewöhnt, bleibt jedoch bescheiden und betont immer wieder die Begeisterungsfähigkeit der Kinder.

 

Das Projekt der Siegerlandschule kombinierte Kunst mit dem Lernen der Fremdsprache Englisch: Die Kinder wählten landestypische Märchen und Fabeln wie zum Beispiel "Die Bremer Stadtmusikanten“ aus, übersetzten sie ins Englische, malten Bilder von ihren Lieblingsszenen und veröffentlichten sie auf der eTwinning-Plattform. Die englische Partnerschule tat dasselbe mit englischen Geschichten. Im nächsten Schritt des Projekts sollen die Geschichten von den Schülerinnen und Schülern als Theaterstück gespielt, mit einer Kamera aufgenommen und erneut im Internet gezeigt werden. Sofern es finanziell für alle möglich ist, möchten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projekts ihre englischen Freunde noch in diesem Jahr besuchen. Im Sommer 2010 besuchte die englische Klasse bereits Berlin. Die entstandenen Kontakte werden seitdem auch privat weitergeführt. Facebook spielt dabei eine große Rolle.

 

Datenschutz hat oberste Priorität

Zuhause setzten sich die jungen Schüler oft freiwillig an den Computer, um neue Programme auszuprobieren oder nach weiteren Projektideen zu stöbern. "Durch eTwinning erhalten die Schülerinnen und Schüler ein Feedback auf europäischer Ebene“, schwärmt Christiane Meisenburg. "Die entstehenden Freundschaften sind lang andauernd und echt.“ Überlastung der Augen? Bewegungsmangel? Die warmherzige Lehrerin beruhigt mich: "In den Pausen schicke ich sie nach draußen und schließe den Raum ab“, sagt sie. Die Kinder spielten dann im Freien und seinen auch privat sportlich aktiv. Nur eine öffentlich zugängliche Internetplattform wie Facebook könne den jungen Computernutzern gefährlich werden, sagt die Lehrerin. Insbesondere nicht altersgemäße Texte und das Chatten mit fremden Personen könnten falsch verstanden oder als zu harmlos eingestuft werden. In solchen Fällen kontaktiere sie aber sofort die Eltern, versichert Christiane Meisenburg. Bei eTwinning benötigt dagegen jeder Nutzer ein Passwort: So wird unbekannten und an den Projekten nicht beteiligten Personen der Zugriff auf das Netzwerk verwehrt. Außerdem wird streng darauf geachtet, dass nur Bilder von Schulkindern ins Netz gestellt werden, deren Eltern eine schriftliche Einverständniserklärung unterschrieben haben. Mit eTwinning hat Christine Meisenburg ihre Berufung gefunden. Auch sie profitiert noch heute von den Freundschaften zu Lehrkräften, die sie bei der gemeinsamen Arbeit an Projekten kennengelernt hat. Als ich mich erkundige, wie "Christine“, ihre befreundete Kollegin in England mit Nachnahmen heißt, stockt sie und wird verlegen. Dann bekennt sie freimütig: "Wir schreiben uns seit Jahren nur mit dem Vornahmen an“.

 

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Fotonachweis:
Erstes Bild: Luise Sokolowski
Zweites Bild: Klaus-Dieter Klingberg
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Zitate zur eTwinning-Konferenz 2012

Berlin 2012: Statements von Konferenzteilnehmern

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