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"Was Italien nicht darf, macht Libyen“

Der italienische Journalist Fabrizio Gatti klärt Berliner Schüler über den Umgang mit illegalen Einwanderern auf.

 

Von Luise Sokolowski, Berlin

 

Berlin, achter November 2010, ein Montagmorgen. „Bilal“ lässt sich durch die Startschwierigkeiten der Technik nicht irritieren. Geduldig wartet der kleine Mann neben uns ab, bis das Video beginnt. Das Gemurmel der Schüler, die sich in der Aula des Albert-Einstein-Gymnasiums in Berlin-Neukölln versammelt haben, verstummt. Ich kenne die Bilder schon, doch erneut schaudere ich, als die Leichen der in der Wüste verdursteten Flüchtlinge auf der Leinwand erscheinen.

 

Als Ciro, der gemeinsam mit einer weiteren Abiturientin und mir die Begegnung mit dem italienischen Journalisten moderieren darf, den Film anhält, sind alle sichtbar erleichtert. Fabrizio Gatti ist unter dem Decknamen “Bilal” auf der gefährlichsten Route afrikanischer Einwanderer nach Europa gereist. Wie viele der jährlichen 30.000 Einwanderer wurde er in ein Auffanglager gebracht und erlebte dort am eigenen Leib, wie roh und unbarmherzig die Flüchtlinge aus dem ärmsten Kontinent der Erde behandelt werden. Sein Buch „Bilal: Als Illegaler auf dem Weg nach Europa“ ist eine Reportage über diese Reise, die Fabrizio Gatti fast das Leben gekostet hätte.

 

Tödliche "Heimkehr"

Doch nun ist die Situation anders. In Lampedusa kommen keine Flüchtlinge mehr an, seitdem im Jahr 2004 die Regierungschefs von Italien und Libyen, Silvio Berlusconi und Muammar Gaddafi ein „freundschaftliches Abkommen“ unterschrieben haben: Es regelt, dass Libyen die Migrantionsströme Richtung Mittelmeer abfängt und Flüchtlingsboote aufhält. Wer an Bord ist, wird zurück zur lybischen Küste gebracht, auch wenn ein Anrecht auf Asyl in Europa besteht. Libyen erkenne die internationalen Bestimmungen, die die Möglichkeit des Asyls vorsehen, nicht an, erklärt Fabrizio Gatti. Italien hingegen hat sich zu diesen Normen verpflichtet. „Was Italien nicht darf, macht Libyen“, sagt der Journalist. Außer seiner ruhigen Stimme und einer Schülerin in der ersten Reihe, die einer Reporterin neben sich die deutsche Übersetzung seiner italienischen Worte zuraunt, ist es nun vollkommen still. Hin und wieder kommt eine humorvolle Bemerkung, auf die mit einem befreienden Lachen aus dem Publikum geantwortet wird, doch die Atmosphäre bleibt ernst.

"Die Flüchtlinge auf den Videobildern sind in der Wüste nach einer solchen `Heimkehraktion´ sich selbst überlassen worden“, fährt Fabrizio Gatti fort. Er erläutert den Unterschied zwischen sogenannten „Wirtschaftsflüchtlingen“, die auf der Suche nach einem besseren Einkommen nach Europa ausreisen, und asylberechtigten Einwanderern aus Ländern wie dem afrikanischen Staat Eritrea, indem ein militärisches Regime die Machtführung innehabe. Da Libyen keine der internationalen Regelungen zum Schutz solcher Flüchtlinge unterzeichnet hat, können sie ungehindert zurückgeschickt werden. In Eritrea beginnt bereits für Jugendliche ab fünfzehn Jahren ein lebenslanger Militärdienst. Nur wenige von ihnen schaffen es, vor diesem Zeitpunkt nach Europa zu fliehen. Dort gelten sie als "Illegale“.

 

Wanted but not welcome

Dennoch werden diese „illegalen“ Einwanderer in Europa dringend gebraucht. Der demographische Rückgang der europäischen Bevölkerung benötige einen Ausgleich, verdeutlicht Fabrizio Gatti. In Italien, so schätzt er, basieren 23 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) auf der „Wirtschaft im Untergrund“, besonders im Bausektor. Oft handele es sich um mafiöse Strukturen, die auf Arbeitskräfte ohne Papiere angewiesen seien. „Diese könnten ihre Arbeitgeber nicht wegen fehlender Bezahlung oder Ausbeutung verklagen.“ Fabrizio Gatti betont die „sklavenähnlichen Verhältnisse, die von den Einwanderern ohne Aufenthaltsgenehmigung akzeptiert würden, „um nicht entdeckt und ausgewiesen zu werden.“ Die Folge: Oft zwölf Stunden Arbeit ohne Lohn, sodass kein Geld wie erhofft in ihre Herkunftsländer geschickt werden kann. Auch auf den Tomatenplantagen in Süditalien sind die „illegalen“ Einwanderer sehr gefragt, denn durch sie bleibt der Tomatenpreis niedrig und wettbewerbsfähig mit den aus China importierten Produkten.

 

Globalisierte Gier

Fabrizio Gatti hat selbst auf einer Tomatenplantage gearbeitet. Er und seine „Kollegen“ wurden hemmungslos ausgebeutet und nicht bezahlt. Als er von einer Frau erzählt, die hochschwanger bei 43 Grad Tomaten ernten musste und dadurch ihr Kind verlor, wird es totenstill. Alle Zuhörenden sind zutiefst bestürzt. Das grausame Ereignis ist einer von verschiedenen schockierenden Fakten, die „Bilal“ nüchtern und anschaulich vorträgt. Die Schüler werden eingeladen, ihrerseits Fragen zu stellen, auf die der Journalist ausführlich antwortet. Die erschütternden Fakten über den Alltag, der sich auf europäischen, hier italienischen, Anbaugebieten abspielt, scheinen das Publikum jedoch für einen Moment zu lähmen.
Keine seiner Informationen wird von Fabrizio Gatti unnötig ausgeschmückt. Er bleibt bei einer einfachen, doch sehr sachlichen Sprache, damit jeder der Anwesenden ihm folgen kann. Sein umfangreiches Wissen hat er durch die selbst gemachten Erfahrungen auf seiner Reise und über seine Freundschaften mit anderen Migranten erlangt.

 

Hoffnung für die Zukunft

Am Ende seines Besuchs möchte eine Schülerin wissen, wie Fabrizio Gatti nach seiner Rolle als "Bilal“ wieder in sein gewöhnliches Leben zurückgefunden hat. Der Journalist, der verheiratet und Vater einer Tochter ist, antwortet nachdenklich: Was ihm noch heute schwer falle, sei die Verschwendung von Lebensmitteln und anderen Gütern in unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft zu beobachten, während elender Hunger und Armut in weiten Teilen der Welt noch dominieren. Doch für die Zukunft hat Fabrizio Gatti gute Hoffnungen, denn gerade die jungen Generationen seien offener und legten mehr Wert auf faire Produktion unter menschenwürdigen Bedingungen.


Fabrizio Gatti hat uns Schüler nicht nur umfassend informiert, sondern auch zum Nachdenken über die Folgen der Globalisierung angeregt.

 

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