Die Nationale Koordinierungsstelle eTwinning ist angesiedelt bei Schulen ans Netz e.V.

Projekt des Monats Februar 2007

Französisch lernen per Videokonferenz

Virtuelle Begegnung im Klassenzimmer

Seit über einem Jahr treffen sich die dritten und vierten Klassen der Keilberthschule in München und die französische Ecole primaire de Saint Maximin regelmäßig alle zwei Wochen, um gemeinsam Französisch und Deutsch zu lernen. So lautet auch der Projekttitel „Virtuelle Begegnung mit den französischen Brieffreunden“(Usage de la vidéoconférence pour apprendre la langue du partenaire). Wie das geht? Mit eTwinning und per Videokonferenz.


Auch so kann Fremdsprachenunterricht aussehen: „Am Dienstag hatten wir Französisch und haben unsere Brieffreundin gesehen. Wir haben uns vorgestellt mit Namen und Alter. Sie hat erzählt, dass sie Clémence heißt und zehn Jahre alt ist. Zum Schluss haben wir alle miteinander ein Lied gesungen. An diesem Tag war es besonders schön, weil wir zum ersten Mal mit unserer Brieffreundin gesprochen haben“, erzählen Tina und Svetlana der Klasse 4d der Keilberthschule.

 

Auf der Suche nach neuen Ideen

„Wir wollten unseren Sprachunterricht attraktiver gestalten und vor allem die an der Schule vorhandenen technischen Möglichkeiten nutzen. Die neue Idee war Medien und Fremdsprachen zu verbinden“, sagt Nicole Imbert-Buckenmaier, Französischlehrerin an der Keilberthschule. „Nach einer langjährigen Erfahrung im Fremdsprachenunterricht im klassischen Sinne bin ich dankbar und offen für neue Ideen und Methoden.“ So kam es, dass sie sich gemeinsam mit ihrer französischen Partnerschule bei eTwinning angemeldet hat. Seitdem treffen sich die Partnerklassen regelmäßig jeden zweiten Dienstag online. „Die Kinder freuen sich genauso darauf wie wir Lehrkräfte und wollen diesen Rhythmus unbedingt einhalten.“

 

Ein modernes Konzept für den Fremdsprachenunterricht

Was in Fachkreisen „intercultural communicative approach”  heißt und das authentische Fremdsprachenlernen in realen Lebenswelten beschreibt, haben Nicole Imbert-Buckenmaier und ihr französischer Kollege Régis Bracq längst in ihren Sprachunterricht integriert. Denn ihr Fremdsprachenkonzept baut auf ihrer Partnerschaft auf. In der Praxis sieht das so aus, dass die Partnerschulen gleichzeitig dieselben Themen behandeln. Diese haben sie vorher zusammen vorbereitet und im Unterricht parallel eingeübt. Themen sind z. B. meine Schule, meine Stadt  oder mein Dorf, meine Lieblingsmusik oder meine Freunde und meine Familie. Dazu werden Sätze und Fragen in der jeweiligen Fremdsprache eingeübt. So gibt es immer im Wechsel jeden Dienstag eine Vorbereitungsstunde und ein virtuelles Treffen mit der Partnerschule. Die virtuelle Stunde läuft abwechselnd in Französisch und in Deutsch, damit die Kinder das Erlernte praktizieren.

 

Wir sind die Moderatoren

„Hallo, ich heiße Théo.“ Der französische Junge kommt an die Webcam. Und dann tauschen sich die Kinder aus, die sich anfangs als Brieffreunde kennengelernt haben. „Wir haben ihnen beigebracht, immer zurückzufragen damit ein Dialog entsteht. Außerdem sollen die Schüler immer in ganzen Sätzen antworten, um den Brieffreunden ein Sprachmuster in der Fremdsprache vorzugeben“, erklärt die Französischlehrerin der Keilberthschule. „Es gibt Rituale und Regeln bei der Begrüßung und der Verabschiedung. Wir, mein Kollege Régis Bracq und ich, sind abwechselnd die Moderatoren, je nachdem in welcher Sprache die Stunde abläuft.“ Die Unterrichtsvorbereitung und den Austausch von Unterrichtsmaterialien erledigen beide Kollegen in der gemeinsamen Arbeitsumgebung des TwinSpace auf www.etwinning.net.

 

Die Kinder wollen mit ihren Freunden reden

Mit diesem Konzept des Fremdsprachenlernens fällt die künstliche Situation des Fremdsprachenunterrichts weg. „Die Kinder müssen nicht wegen mir Französisch sprechen, weil ich sie dazu auffordere, sondern weil sie mit ihren Freunden reden wollen“, erzählt Nicole Imbert-Buckenmaier. „Das ist für sie ganz wichtig. Und sie merken, dass es egal ist, wenn sie mal ein Wort anders aussprechen. Hauptsache sie werden verstanden, das ist Kommunikation. Da sagt niemand „der spricht das aber falsch aus“. So lernen sie auch Toleranz. Außerdem merken sie, dass zur Sprache auch Mimik gehört. Diese Art zu lernen ist lebendiger und absolut motivierend.“

 

Es ist so, als ob sie direkt dort wären

„(…)Es war einfach schön, meine Brieffreundin Marie zu sehen, sie zu begrüßen, nach ihrem Alter zu fragen, sie dann zu verabschieden. Es dauerte nicht lange, aber ich fand es einfach toll“, meint die neunjährige Jill. Die Videokonferenz per Skype hilft dabei, „die anderen“ in ihrer ganzen Persönlichkeit aber auch in ihrer Umgebung wahrzunehmen und die Beobachtungsgabe zu schulen. Denn die Webcam fängt die ganze Atmosphäre ein. „Wenn zum Beispiel in München Schnee liegt oder die Sonne in Frankreich scheint, dann sehen das die Kinder“, freut sich Nicole Imbert-Buckenmaier. Daraus entstehen oftmals ganz spontane und situative Fragen. „Da stellen die Kinder zum Beispiel fest, dass jemand eine neue Brille trägt. Oder sie sehen an der Tafel, dass die französischen Kinder schon bis 100.000 rechnen. Das macht sie neugierig und sie stellen Fragen. Das ist so, als ob sie direkt dort wären. Wenn die Kinder sich sehen, fühlen sie sich einfach sicherer und näher.“ Und falls nicht alle Fragen beantwortet werden können, dann geschieht dies hinterher per E-Mail.

 

„Papa, du musst das so sagen!“

Vor der Klassenfahrt nach Südfrankreich werden die Schülerinnen und Schüler selbst zu Moderatoren. Denn dann kommen die Eltern in ihr Klassenzimmer und stellen sich den französischen Gasteltern per Videokonferenz vor. Die Kinder helfen ihren Eltern dabei, was sie wie sagen können. Das macht sie sehr stolz.

 

Das ist wie ein Wiedersehen

Und wie ist das, wenn die Kinder in Frankreich aus dem Bus steigen? „Früher war das so: Da stand man auf Abstand und traute sich nicht, den anderen anzusprechen. Doch heute ist das wie ein Wiedersehen, total vertraut, denn die Kinder haben sich ja schon gesehen“, sagen beide Lehrer einstimmig.
 

Autorin: Bettina Zeidler

 

Mehr dazu:

Homepage der Keilberthschule
Meinungen der Kinder der Keilberthschule

 

 

1  Pachler, Dr. Norbert (1999); Teaching mfl at advanced level, University of London, Institute of Education, www.ioe.ac.uk/schools

 

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